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"DO´S AND DON´TS" IN DER MODELLIERUNG

IN EIGENER SACHE
Unseren Mitarbeitern im Kundenkontakt wird oft die Frage gestellt, warum gewisse Dinge nicht automatisch gehen, wo man doch jetzt eine voll-parametrische Lösung wie Revit als Grundlage nimmt. 

Nun, die Gründe sind vielfältig, denn parametrische Modellierung und Abhängigkeiten im Modell sind ein Fluch und ein Segen zugleich. Korrekt eingesetzt, reagieren Bauteile und dazu in Relation stehende Komponenten automatisch auf Änderungen geometrischer Parameter oder der Lage bestimmender Bauteile. So werden beim Verschieben einer Leitung verknüpfte Elemente ebenfalls verschoben oder beim Ändern einer Leitungsdimension werden automatisch Übergänge erstellt, angrenzende Bauteile ändern ebenfalls die Dimension. Solange automatische Anpassungen nur das eigene Gewerk betreffen, sind diese in der Regel gewünscht und führen zu einem flexibleren und schnelleren Arbeiten. 

Wo liegen also die Schwierigkeiten? Nun, ein Modell mit starken Relationen erfordert Rechenzeit, um gemachte Änderungen auf abhängige Bauteile zu übertragen. Je mehr dieser Abhängigkeiten eingeführt werden, um so aufwendiger die Arbeit, die Revit investieren muss, um Änderungen herbeizuführen. Man kann dies vergleichen mit dem Aufwandsunterschied ein Gleichungssystem mit zwei Unbekannten gegenüber einem mit drei Unbekannten händisch zu lösen. In Revit lassen sich durch den Klick auf Schloss- und Pin-Symbole schnell viele Tausende solcher Gleichungen einführen, was im Extremfall dazu führt, dass ein Modell träge und unbeweglich wird.

Unabhängig von der Modellperformance gibt es auch noch andere Schwierigkeiten, wenn man die Bauplanung als interdisziplinäres Vorhaben versteht, in dem Abstimmungsprozesse essenzieller Bestandteil sind. Für den Projektfortschritt ist es dabei notwendig, bereits getroffene Vereinbarungen nicht durch einen Automatismus zu verändern, auch wenn dieser für die eigenen Arbeitsabläufe sinnvoll erscheint. Hier ist eine Stabilität im Gesamtprozess höher einzuordnen als der eigene Komfort, da unbemerkte Verletzungen getroffener Vereinbarungen im späteren Verlauf des Projekts zu zeit- und kostenintensiven Koordinationsaufgaben führen. Anhand einiger Beispiele lässt sich gut erläutern, warum nicht alles Machbare im Kontext BIM auch automatisch sinnvoll ist.

Es wird bisweilen als schlechte Modellierung angesehen, wenn z. B. eine Änderung der Geschosshöhen oder das Versetzen einer Wand sich nicht automatisch auf die TGA-Systeme übertragen lässt. Dabei wird oft übersehen, dass es vielleicht keine Sache schlecht definierter Abhängigkeiten ist, wenn eine TGA-Anlage sich nicht automatisch der Architektur anpasst, sondern vielleicht bewusst so gewollt ist. Selbst wenn die Änderung vergleichsweise harmlos ist, so sollte sie zwischen den Akteuren koordiniert werden. Findet sich eine günstigere Leitungsführung, hat die Änderung am Ende gar Auswirkungen auf die Wahl der Komponenten? All diese Fragen stellen sich den Beteiligten nicht, wenn das Modell „zu intelligent“ aufgebaut ist.

Was bei einem Übermaß an Automatismen im Gebäudemodell außerdem schief gehen kann, lässt sich sehr einfach an dem Beispiel der Durchbruchsplanung verdeutlichen: Dieser BIM-Anwendungsfall erfordert eine Abstimmung verschiedener Fachdisziplinen. Der TGA-Planer legt die Rohrleitungen fest und erzeugt Vorschläge für Durchbrüche, die von dem beteiligten Architekten und Statikern geprüft und genehmigt werden müssen. Ist eine solche Abstimmung bereits erfolgt, so wird der Planstand eingefroren. So sollte der Durchbruchsvorschlag bei einer Änderung der Leitungsführung oder -dimension nicht automatisch mitwachsen (siehe Abbildung 1), da eine neu entstandene Kollision so schlimmstenfalls im Laufe des Projekts lange unbemerkt bleibt und später einen hohen Aufwand in der Kollisionsbehebung erzeugt. Sinnvoller ist es die Prozesse so aufzustellen, dass eine Durchbruchsplanung erst nach Ermittlung der Lage und Dimension der Leitungen erfolgt. Werden nachträgliche Änderungen einzelner Trassenabschnitte erforderlich, dann muss allen Beteiligten klar sein, dass ein erneuter Abstimmungsprozess in den betroffenen Gebäudeabschnitten erforderlich ist. Solch eine Abstimmung sollte nur durch bewusste Entscheidungen gestartet werden. 

FAZIT
Wir konnten hoffentlich anhand der oben geschilderten Beispiele verdeutlichen, dass nicht jede technisch umsetzbare Funktion auch sinnvoll in den Workflow integriert werden kann. Unsere Software lebt davon, dass wir die Wünsche unserer Anwender sammeln und in unsere Lösung implementieren. Nichtsdestotrotz ist es als Softwarehersteller auch unsere Aufgabe, vermeintlichen Komfort gegenüber der Stabilität im Gesamtprozess abzuwägen und auf dieser Basis zu entscheiden, welche Funktionen zukünftig in die Software gelangen sollen. So stellen wir sicher, Ihnen einen möglichst reibungslosen Workflow zu ermöglichen.


Autoren: Christian Waluga und Peter Hollenbeck
Literaturempfehlungen

DIN EN ISO 19650, Blatt 1 – Organisation und Digitalisierung von Informationen zu Bauwerken und Ingenieurleistungen, einschließlich Bauwerksinformationsmodellierung (BIM)
VDI-Richtlinie 2552, Blatt 1 – Building Information Modeling – Grundlagen
VDI-Richtlinie 2050, Blatt 1 – Anforderungen an Technik­zentralen – Technische Grundlagen für Planung und Ausführung
van Treeck – Building Information Modeling. Springer, 2016
van Treeck et.al. - Integrale Planung BIM – Umsetzungs­erfahrungen im Projekt „Viega World“. Springer, 2019